In der Philosophie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) nimmt die Lunge eine besondere Stellung ein. Sie wird als „Premierminister“ der Organe bezeichnet und gilt als Vermittlerin zwischen Himmel und Erde. Die Lunge gehört zur Wandlungsphase Metall und steht in enger Verbindung mit der Jahreszeit Herbst, dem Klima der Trockenheit und der Emotion Trauer.
Die Funktion der Lunge in der TCM
Nach TCM-Verständnis herrscht die Lunge über die Atmung und das Qi. Sie nimmt beim Einatmen frisches Qi auf und gibt beim Ausatmen verbrauchtes Qi ab. Dieser rhythmische Austausch macht die Lunge zum zentralen Rhythmusgeber des Körpers – ohne Rhythmus ist aus Sicht der TCM kein gesundes Leben möglich.
Die Lunge verteilt das Qi im gesamten Körper und verbindet sich dabei eng mit dem Zong-Qi, dem Qi des Thorax, das auch den Herzschlag reguliert. Diese enge Beziehung zwischen Lunge und Herz zeigt, wie vernetzt die Organsysteme in der TCM betrachtet werden.
Darüber hinaus wird der Lunge in der TCM die Kontrolle über Haut und Körperhaare zugeschrieben. Sie öffnet sich in die Nase und steht in Verbindung mit der Abwehrenergie Wei-Qi, die den Körper vor äußeren Einflüssen wie Wind, Kälte oder Trockenheit schützen soll.
Die emotionale Dimension: Trauer und Loslassen
In der TCM wird jedes Organ mit einer bestimmten Emotion verknüpft. Die Lunge ist eng mit Trauer verbunden. Trauer ist zunächst eine natürliche, physiologische Emotion, die ausgelebt werden sollte. Wird Trauer jedoch über einen längeren Zeitraum nicht verarbeitet, kann dies nach TCM-Verständnis das Lungen-Qi schwächen.
Die Lunge symbolisiert auch die Fähigkeit zum Loslassen – sowohl auf körperlicher Ebene (durch die Ausatmung) als auch auf emotionaler Ebene. Ein harmonisches Lungen-Qi unterstützt die Fähigkeit, Altes loszulassen und Neues aufzunehmen.
Verbindung zu anderen Organen
Die Lunge arbeitet in der TCM eng mit Milz und Magen zusammen. Diese beiden Organe erzeugen aus der Nahrung das sogenannte Gu-Qi, das sich mit dem Zong-Qi verbindet. Eine ausgewogene Ernährung mit frischen, unbehandelten Lebensmitteln kann daher nach TCM-Ansicht die Gesundheit der Lunge unterstützen.
Auch die Beziehung zum Dickdarm, dem Yang-Partnerorgan der Lunge, ist bedeutend. Beide gehören zur Wandlungsphase Metall und teilen sich die Aufgabe des Loslassens – die Lunge auf energetischer, der Dickdarm auf materieller Ebene.
Yin-Mangel der Lunge
Aus TCM-Sicht kann ein Yin-Mangel der Lunge zu Trockenheit in Atemwegen, Haut und Schleimhäuten führen. Yin steht für Kühlung, Befeuchtung und Ruhe. Wenn das Yin der Lunge geschwächt ist, kann dies mit Empfindungen wie trockenem Husten, trockener Haut oder nächtlichem Schwitzen einhergehen.
Lebensstil und die Lunge
Um die Lunge nach TCM-Verständnis zu pflegen, empfiehlt sich:
● Ein regelmäßiger Tages- und Nachtrhythmus mit ausreichend Schlaf
● Bewusste, tiefe Atmung und Atemübungen wie Qi Gong
● Frische Luft und Bewegung in der Natur
● Emotionale Balance durch Verarbeitung von Trauer und Loslassen alter Belastungen
● Eine ausgewogene, frische Ernährung zur Stärkung der Mitte (Milz/Magen)
Fazit
In der TCM ist die Lunge weit mehr als ein reines Atemorgan. Sie symbolisiert Rhythmus, Austausch, Abwehr und die Fähigkeit zum Loslassen. Ein harmonisches Lungen-Qi entsteht durch regelmäßigen Lebensrhythmus, bewusste Atmung, emotionale Verarbeitung und eine achtsame Lebensweise.
