Leber-Qi-Stagnation vs. Leber-Blutstauung

Zwei Gesichter der Leberdysfunktion

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) spielt die Leber eine zentrale Rolle für den freien Fluss von Energie und Blut im Körper. Wird dieser Fluss gestört, entstehen zwei wichtige, oft verwechselte Muster: Leber-Qi-Stagnation und Leber-Blutstauung. Obwohl beide die Leber betreffen und Spannungen verursachen, unterscheiden sich ihre Mechanismen und Symptome grundlegend.

Leber-Qi-Stagnation: Energie, die blockiert ist

Eine Leber-Qi-Stagnation entsteht, wenn die Energie nicht mehr frei durch den Körper fließen kann. Häufige Ursachen hierfür sind emotionale Anspannung, Frustration oder anhaltender Stress. Die Energie staut sich in bestimmten Bereichen, was zu Druckgefühl, Verspannungen und Völlegefühl führt
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Typische Symptome sind: ein Spannungsgefühl in Brust und Flanken, ein zeitweise auftretendes Völlegefühl, Seufzen, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, ein Kloßgefühl im Hals und, bei Frauen, häufig prämenstruelle Beschwerden mit Brustspannen. Die Symptome schwanken stark je nach emotionalem Zustand – sie verschlimmern sich bei Stress und bessern sich bei Entspannung.
Bei Qi-Stagnation zeigt die Zunge oft eine violette Verfärbung an den Zungenrändern (im Leberbereich), ist aber nicht grundsätzlich dunkel oder violett. Der Zungenbelag ist in der Regel normal. Der Puls ist besonders aufschlussreich: Er fühlt sich angespannt, fest und drahtig an, als würde man eine Gitarrensaite berühren. Dieser Puls wird auch „Xian“ genannt und ist charakteristisch für Leberstagnation.

Leberblutstau: Blut, das nicht mehr fließt

Bei der Leberblutstase geht es noch einen Schritt weiter: Hier ist nicht nur die Energie blockiert, sondern auch das Blut selbst stagniert. Dieses Muster entsteht häufig durch lang anhaltende, ungelöste Qi-Stagnation oder durch Traumata, Operationen oder extreme Kälte, die die Blutzirkulation unterbrochen hat.

Die Symptome sind konsistenter und ausgeprägter: anhaltende, kribbelnde Schmerzen an einer bestimmten Stelle, violette Verfärbung der Haut oder der Lippen, kleine rote Punkte (Petechien) auf der Haut, dunkles, geronnenes Menstruationsblut mit Klumpen, starke Menstruationsschmerzen, die sich durch Druck nicht lindern lassen, und möglicherweise tastbare Knoten oder Schwellungen.
Die Zunge gibt Aufschluss über Blutstau: Sie ist deutlich violett oder weist violette Flecken auf ihrer gesamten Oberfläche auf, nicht nur an den Rändern. Manchmal sind unter der Zunge geschwollene Venen sichtbar. Der Puls fühlt sich nicht nur angespannt, sondern auch unregelmäßig und stockend an – ein steifer Puls, der darauf hindeutet, dass das Blut nur schwer fließen kann.

Die entscheidenden Unterschiede

Der Hauptunterschied liegt in der Fixierung der Symptome. Qi-Stagnation ist mobil: Der Schmerz wandert, kommt und geht und reagiert auf Emotionen. Blutstauung hingegen ist fixiert: Der Schmerz bleibt an einem Ort, ist stechend und bohrend und verändert sich kaum.
Qi-Stagnation spricht gut auf Entspannung, Bewegung und die Verarbeitung von Emotionen an. Blutstauung erfordert ein aktiveres Eingreifen, um das geronnene Blut wieder in Bewegung zu bringen.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Chronologie: Qi-Stagnation kann akut nach einer Stressphase auftreten. Blutstauung entwickelt sich in der Regel allmählich über Monate oder Jahre oder akut nach einem körperlichen Trauma.

Praktische Auswirkungen

Diese Unterscheidung ist therapeutisch von entscheidender Bedeutung. Qi-Stagnation erfordert den Energiefluss, die Lösung von Spannungen und die Harmonisierung der Emotionen. Rezepturen wie Xiao Yao San oder Chai Hu Shu Gan San sind in diesem Fall geeignet.
Blutstauung hingegen erfordert stärkere, blutbewegende und stauungslösende Kräuter. Rezepturen wie Xue Fu Zhu Yu Tang oder Tao Hong Si Wu Tang sind wirksamer. Einfache Entspannung reicht bei Blutstauung nicht aus – das Blut muss aktiv in Bewegung gebracht werden.